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Auf der Schwelle

„Nach hinten ist es eine ausgeleuchtete Fläche; nach vorne, die Dunkelheit. Es ist, als befände man sich auf ihr mit dem Rücken gegen die Laufrichtung, das heißt mit dem Rücken gegen ihren Zweck, und ich sage Zweck, weil Kraft gleichbedeutend wäre mit voranschreiten. Ich will sagen, dass dieses ‚Vorne‘ – das heute dunkel ist – die Lösung oder – wenn es sie nicht wirklich gibt – die Erklärung für die bereits zurückgelegte Entfernung sein könnte.“ (Juan Emar, Umbral I, ab 1977, S. 6).

Die ifa-Galerie Stuttgart (Institut für Auslandsbeziehungen) in Deutschland und die Bienal de Artes Mediales (Biennale für Medienkunst) in Chile, deren 15. Ausgabe den Titel Umbral (Schwelle) trägt, treten über die Auseinandersetzung mit dem Zustand des Wandels, der Unsicherheit und Zerbrechlichkeit, in der sich unsere Gesellschaften in Zeiten multipler, planetarer Krisen befinden, in Verbindung. In ihrer kuratorischen Praxis verstehen sie sich dabei als eine Konstellation zueinander, über die sie sich dem Verstehen dieser Zeit der Transformation, einer Zeit auf der Schwelle, annähern. Die erste dieser Konstellationen ist das Ausstellungsprojekt Umbrales. ¿Cómo anudar el tiempo? / Auf der Schwelle. Wie die Zeit verknüpfen?.

In dieser ersten Konstellation kommen im digitalen Raum Fotografien, Ton- und Filmaufnahmen, diskursive und poetische Texte sowie Filme als Spuren zusammen, die im Werkprozess der Künstler:innen Elisa Balmaceda, Claudia González Godoy, Barbara Marcel, Elektra Wagenrad und Florian Wüst entstanden sind bzw. von ihnen zusammengestellt wurden. Als Inspiration dient dabei der Blick und die Sensibilität des chilenischen Schriftstellers Juan Emar (1893– 1964) und sein posthum erschienenes Buch Umbral (Schwelle). Dieses Werk enthält versteckte Schlüssel und Codes, um die Ungewissheit des aktuellen Schwellenmoments zu erforschen. Emar war ein unermüdlich Reisender, bis er sich zurückzog, um Umbral zu schreiben. Mit diesem Buch gibt er uns ein Instrument an die Hand, um uns von innen heraus zu beobachten und unsere Rolle in der Welt zu hinterfragen.

Auf der Schwelle möchte durch die künstlerischen Werke und die Prozesse des Beobachtens, des Wahrnehmens und des Reflektierens, Möglichkeitsräume für eine kollektive gesellschaftliche Metamorphose öffnen. Die Werke der fünf Künstler:innen, die in der Ausstellung Auf der Schwelle. Wie die Zeit verknüpfen? (12.11.2021–20.2.2022) in der ifa-Galerie in Stuttgart zu erleben sind, treten während der Bienal de Artes Mediales in Santiago de Chile (26.11.2021–30.3.2022) mit jeweils einem weiteren Werk im bosquemuseo (Waldmuseum) auf einer Anhöhe in Santiago, dem Cerro Calán, als Antwort in Verbindung. An beiden Orten wird es zudem Editorische Gärten geben, Orte mit Materialien und Spuren, die von den Künstler:innen und Kurator:innen hinterlassen wurden und Gedanken und Themen vertiefen. Ergänzt werden sie durch Beiträge von eingeladenen Forscher:innen, Denker:innen, Aktivist:innen, Künstler:innen sowie Diskussionsrunden und Filmreihen. Die audiovisuellen Spuren dieser Aktionen werden auf www.constelaciones.xyz zu finden sein – ebendiesem digitalen Raum, in dem sich die Elemente immer neu zusammensetzen und der mit der Zeit zu einem dichten Geflecht wächst.

Die Konstellation zwischen Stuttgart und Santiago wird so zu einer der tragenden Säulen, auf denen die Bienal de Artes Mediales mit ihren sechs Schwellen ruht: 0. Ether, 1. Museen (Museo de Bellas Artes, Museo de Arte Contemporáneo), 2. bosquemuseo (Waldmuseum), 3. Immaterielles Museum der audiovisuellen Künste, 4. Postalische Artefakte, 5. Auf der Schwelle. Wie die Zeit verknüpfen?.

Auf der Schwelle. Wie die Zeit verknüpfen?

Krisen sind Schwellen und Tore zu anderen Welten. In einer Zeit multipler, miteinander verwobener ökologischer und sozialer Krisen nimmt Umbrales seinen Ausgangspunkt bei den Protesten in Chile, die im Oktober 2019 begonnen hatten und den Weg zu einem tiefgreifenden Wandel und einer Stärkung der Zivilgesellschaft ebneten. Die Proteste und die daran anschließenden Prozesse einer kollektiv vorangebrachten Verfassungsreform können als Brennglas für die existenzielle Krise unserer gemeinsamen Lebensbedingungen betrachtet werden: die Konstitution als Schwellenmoment, das eine Reflexion über die menschlichen Auswirkungen auf das Ökosystem, Geschlechtergerechtigkeit, das Anerkennen einer Vielfalt an Kulturen und Sprachen und die Auswirkungen unser technologisch verfassen Lebenswelt auf unsere Wahrnehmung fördert. Die künstlerischen Forschungen gehen dabei von den Turbulenzen unserer Zeit aus. Sie sensibilisieren dafür, uns als Teil einer komplexen Konstellation wechselseitig bedingter Beziehungen zu verstehen und laden uns ein, unseren Sinn für das Kollektive neu zu justieren. In einem gemeinschaftlichen Prozess versammeln wir Stimmen aus Kunst, Philosophie, Aktivismus und Soziologie und versuchen darüber die Städte Santiago de Chile und Stuttgart miteinander in Verbindung zu setzen und offene Räume der Reflexion und der Inspiration für gesellschaftlichen Wandel zu schaffen.

Kurator:innen: Bettina Korintenberg, Enrique Rivera.

Künstler:innen: Elisa Balmaceda, Claudia González Godoy, Barbara Marcel, Elektra Wagenrad, Florian Wüst

www.constelaciones.xyz

Dieser digitale Raum sammelt Spuren, Reflexionen und Visionen aus verschiedenen Disziplinen und bringt Sensibilitäten und Sichtweisen über die Themen und zu den Knotenpunkten, um die sich das Projekt Umbrales (Auf der Schwelle) webt, zusammen.

Neben den Interventionen der Künstler:innen sind Beiträge von Personen, die eingeladen wurden, an diesem Austausch – oder Spiel – teilzunehmen, über drei Fragen miteinander verknüpft, um ein kollektives Geflecht von Wissen, Gedanken und Analysen rund um die neue Zeit zu bilden. Diese finden sich in der Sektion Ec(h)osystem.

Warum xyz?

Die Formulierung xyz, die Form, Tiefe und Entfernung im Raum nachzeichnet, ist von Euklids Elementen bis in unsere Zeit gereist und hat das mathematische und geometrische Verständnis der Welt bestimmt. Die Tiefe einer Konstellation kann anhand von Vektoren analysiert werden, die in diesem Kontext durch die intuitive und rationale Navigation der Inhalte dieser Sammlung bestimmt werden: Intuitiv, da die Navigation von unwahrscheinlichen Mustern ausgeht, in denen das Beobachtete und seine möglichen Ergebnisse keine offensichtliche Beziehung zueinander haben; rational mittels der enzyklopädischen Hyperlinks von Schlüsseln, die ein auf Neugier basierendes Navigationssystem ordnen.

xyz ist somit ein Weg, das Chaos des Rhizoms von Inhalten nachzuzeichnen, das den Schnittpunkt von Kulturen, Symbolen, Bildern und Klängen bildet, die diese Konstellation ausmachen. Es handelt sich um einen Versuch, eine mögliche Maschine der konzeptuellen Navigation zu etablieren, bei der aus der Wurzel Ableger entstehen, die durch die Interaktion derer, die sie navigieren, hervorgebracht werden.